Die Lösung ohne Kosten, die einen Ingenieur lächeln lässt

Source : Wikipédia

Seitdem ich Lean Management praktiziere betrachte ich Dinge nicht mehr in der gleichen Weise. So oft ist die Kundenzufriedenheit weit entfernt von den tatsächlichen Überlegungen, es gibt so viele tagtägliche Verschwendung (japanisch: Muda), so viele Prozesse sind eher eine Behinderung als eine Hilfe für die Mitarbeiter, so viele Ausbildungsprogramme sind mangelhaft. … All das trägt zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter bei, und damit zur Verschlechterung der Unternehmensergebnisse (außer wenn es um Kostenreduzierung geht, eine ineffiziente und nur vorübergehende Übung).

Deshalb hier eine kleine Geschichte eines Ingenieurs, die das illustriert.

Die Vorbereitung

Heute hat ein ein Internet-Anbieter bei mir Glasfaserkabel installiert. Der Techniker kam pünktlich und erklärte mir, wie die Installation ablaufen werde. Er holt 2 Kabelrollen in zwei unterschiedlichen Größen hervor (abhängig vom Durchmesser der Kabelkanäle) und beginnt in den Kanälen zu sondieren. Danach schiebt er die Glasfaserkabel in die Kanäle. Alles scheint reibungslos abzulaufen – bis sich das steife Kabel in dem Kabelkanal unterhalb der Garage festsetzt.

Die Konfrontation mit der Realität am Arbeitsplatz

Es ist unmöglich, weiterzumachen. Da die Farbe der Kanäle auf jeder Seite unterschiedlich ist (was natürlich niemals der Fall sein sollte), vermuten wir, dass irgendwo in der Mitte des Kanals zwei unterschiedliche Kanäle aneinander gebastelt wurden. Der Techniker versucht es mit zwei dünneren Leitungen, ohne Erfolg. Ich habe gar nicht mehr mitgezählt, wie viele Rein- und Rausversuche er unternommen hat, um die Ursache des Problems zu finden.

Der Techniker beginnt zu fluchen und sendet Verwünschungen an seinen Chef, und erklärt mir dabei, zu viele Missstände bei seinen Einsätzen zu haben. Ich verstehe seine Verärgerung, denn selbst wenn das Viertel mit den notwendigen Installationen für die Glasfaserverlegung ausgerüstet worden war, garantiert das in keiner Weise, dass nicht irgendwo etwas kaputt ist. Die Prozesse und Metriken seines Unternehmens sind gemäß einer idealen Welt angelegt worden, in der alle Kabelkanäle grade sind, sauber und in denen das Kabel genauso einfach gleitet wie ein Stein in eine Pfütze fällt. In Wirklichkeit aber, in unserem Fall, sind zwei Kanäle zusammengelegt und die Abwinklungen sind sehr eng, im Widerspruch zu den Standards die von den Chefs weit weg vom Arbeitsort festgelegt wurden. Die Chefs des Technikers haben sicherlich vergessen, an die Montagestellen zu gehen (oder gehen immer noch nicht dorthin), auf dem Arbeitsgelände (das Gemba eben) um die Abweichungen in ihre Überlegungen einzubeziehen.

Ich versuchte also ihm zu helfen, das steife Kabel durchzuschieben, aber es blockierte immer wieder auf dreiviertel des Weges. Der Techniker möchte keinen neuen Misserfolg haben und lässt mich mit dem Glasfaserkabel allein. Er ruft einen Kollegen an, der zu dieser Zeit auf einer Baustelle ist. Dieser kommt 10 Minuten später an (Glück gehabt, er war nicht weit) und versteht schnell das Problem.

Die „Umsonst“-Lösung um aus der Sackgasse zu kommen

Er holt also aus seinem Lieferwagen ein Stück weicheres Kabel und klebt es an das Kabel, das der Techniker benutzt hatte. Dieser wiederum schaut zu. Jetzt ist das Kabel insgesamt um einen Meter weicheres Kabel länger. Aber bevor er seinen Versuch startet, fügt er noch ein weiteres, noch weicheres Kabel hinzu, das aber hinreichend fest ist, um nicht umzuknicken. Jetzt hat er also ein Kabel mit drei verschiedenen Stärken und Festigkeiten, das weichste an der Spitze. Der Techniker sieht seinen Kollegen an, ganz zuversichtlich, dass sein Versuch gelingt. Und führt das Kabel in den Kabelkanal. Es gleitet bis zum anderen Ende so leicht durch wie ein Messer durch geschmolzene Butter!

Die Augen „meines“ Technikers leuchten. Er fragt seinen Kollegen, wie er das herausgefunden hat. Dieser antwortet, dass er sich mit Reststücken von Kabeln in der Werkhalle des Unternehmens ausgestattet hat und seitdem keine Probleme mehr habe mit den Kanälen. Mein Techniker dankt ihm sehr herzlich und bietet ihm auch seine Hilfe, an, wann immer notwendig. Die beiden setzen dann die Installation des Glasfaserkabels fort.

Aber warum?

Hier also ein gutes Beispiel eines Verhaltens, das das Lean Management versucht abzubauen, oder sogar zu beseitigen:

  • Unternehmensprozesse, entworfen von Personen, die sie nicht durchführen, für eine Welt, die nicht die reale ist. Das sind dann die gleichen Unternehmen, die sich anschließend wundern, dass ihre Prozesse nicht korrekt von ihren Mitarbeitern angewendet werden und – anstatt zu versuchen die Realität durch eigene Praxisanschauung zu verstehen – noch zusätzliche Audits in Gang setzen. Dieser Techniker musste sich alleine zurechtfinden um 30 Meter Kabel in Kanälen zu installieren, die zu eng verlegt waren, anschließend die Anschlüsse herstellen, eine Dose an der Wand anzubringen und am Ende alles an die Box des Internet-Providers anzuschließen … und das in 1.5 Stunden.
  • Es gibt Unternehmen, die den Austausch guter Praktiken nicht fördern und die nicht Ausbildung zur Lösung von Problemen durchführen. Vorsicht dabei, um nicht die Gewinnung von Wissen und das Lernen zu verwechseln, wie es sehr gut Cecil Dijoux beschrieben hat. In unserem Fall genügte es dem Unternehmen, seinem Techniker Vorwürfe wegen schlechter Resultate zu machen, aber hat es auch nur einmal versucht, die Probleme zu beobachten, die am Ort der Arbeit entstehen? Hat es versucht, seine Schwierigkeiten zu lösen, indem es eine Problemlösungsmethode anbot, die es allen Mitarbeitern des Unternehmens erlaubt hätte, von der Schlauheit eines Mitarbeiters zu profitieren?
  • Das geringe Vertrauen in Ideen von Mitarbeitern, die oft wenig kosten, und die Bevorzugung von Optimierungsmethoden die weit kostspielieger sind. Beim Lean Management suchen wir die berühmten Lösungen, die umsonst sind (oder sich zumindest weitgehend diesem Ziel annähren). In unserem Beispiel kostet die Lösung sicherlich einige Cent, einige Euro alles zusammen, Material, das sonst sowieso in den Müll wandern würde.
  • Managementsysteme, die ihren Teams nicht die Möglichkeit geben, ihre Tagesarbeit zum Erfolg zu führen (der 2. Pfeiler „Respekt für die Mitarbeiter“ des Toyota Way of management), und die die Vorstellungen ihrer Mitarbeiter nicht in Betracht ziehen.

Dieser Vorfall hat es dem Techniker erlaubt, wieder Vertrauen in sich und seine Arbeit zu finden. Er hat dennoch 2 Stunden damit verbracht, eine Glasfaser zu installieren, was normalerweise nur 1,5 Stunden dauert; und davon noch 1 Stunde zusammen mit seinem Kollegen). Was ihm sein Unternehmen sicher noch vorwerfen wird. Hätter er nicht seinen Kollegen angerufen, dann wäre er ohne Ergebnis wieder weggefahren, und hätte anschließend einen Graben herstellen müssen, um einen weiteren Kabelkanal zu verlegen – eine weitere Verschwendung!

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